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Reality-TV: Wo religiöse Christen Kinder im Beichtstuhl zeugen

by Christophe Froehling

Scripted Reality ist aus dem Nachmittagsprogramm nicht mehr wegzudenken. Leider lauern hier ungeahnte Gefahren, die schnell ausufern können.

Wir kennen sie doch alle: Familien im Brennpunkt, Mitten im Leben, Die Trovatos oder Berlin Tag und Nacht. Dies sind die Fernsehsendungen, die das heutige deutsche Nachmittagsprogramm maßgeblich prägen. Sie sollen uns Geschichten erzählen, die aus dem puren Leben gegriffen worden sind. Als "Reality-TV" wird es von den Privaten angepriesen. Gerne ist von "echten Schicksalen" die Rede, die "echten Menschen" passieren. Der alltägliche Wahnsinn in deutschen Haushalten eben. So echt und so allgegenwärtig, dass jede Situation "frei erfunden" ist. Natürlich wird dieser Hinweis erst am Ende jeder Ausstrahlung kleingedruckt für einige Sekunden eingeblendet. Doch bis dahin ist dem Otto Normalzuschauer bereits dermaßen schwindlig durch das exzessive Kopfgeschüttel, dass er diesen Hinweis oft nicht mehr erkennen kann.

Auf Streife - die Reportage?

Ein außergewöhnliches Exemplar ist mir erst gestern Nacht unter die Augen gekommen: "Auf Streife". Die Reality-Doku auf Sat.1 begleitet echte Polizisten bei ihren echten Einsätzen in der echten Kölner Innenstadt. Echt jetzt. Da kommt es schon mal vor, dass ein einfacher Fahrradunfall dazu führt, dass die Polizei anschließend eine Drogenparty sprengen kann oder dass eine Mutter mit einem Kartoffelschäler auf einen äußerst suspekten Mann losgeht, weil er, naiv wie er ist, Bonbons an kleine Kinder auf dem Spielplatz verteilen wollte. Das wahre Leben ... in Köln.

Naja, also das richtig wahre Leben scheint es dann doch nicht gewesen zu sein, wie die obligatorische Hinweistafel am Ende der Sendung vermuten lässt. Spätestens beim öffentlichen Techtelmechtel in einer Kölner Kirche müsste das aber auch dem Hardcore-BILD-Leser klar geworden sein. Habt ihr den Überblick verloren? Keine Angst, ihr seid nicht die Einzigen. Deswegen alles nochmal von vorn.

Der ganz normale Alltags-Wahnsinn

Die Polizisten werden am helllichten Tag zu einer Kirche gerufen. Der Pfarrer habe den Verdacht, dass jemand in die heilige Stätte eingebrochen sei. Und tatsächlich: Als die beiden Polizisten den "Tatort" betreten, finden sie einen Halbkreis aus brennenden Kerzen vor, der vor dem Beichtstuhl postiert wurde. Etwa ein satanisches Ritual? Nein. Vielmehr handelt es sich um zwei äußerst gläubige Christen, die - nun ja - einander beiwohnen. Der Grund: Das Ehepaar versucht bereits seit Jahren vergeblich, ein Kind zu bekommen. Daher dachten sie, es wäre doch eine recht dufte Idee, vor den Augen Gottes, nämlich im Beichtstuhl, den nächsten Versuch zu starten. Während der Pfarrer allegorisch die Hände zum Himmel hält und die Polizistin comedypreisreife Bemerkungen reißt ("Ihr Kinderlein kommet" - ich schmeiß' mich weg) fragt die fromme, halbnackte Christin, ob der Pfarrer ihre zukünftigen Kinder nicht vielleicht auch taufen möchte. Das passiert ja schließlich täglich ein paar hundert mal in Deutschland!

Wir backen uns eine Doku-Soap

"Scripted Reality", "Doku-Soap" oder "Pseudo-Doku" nennt man diese schreckliche Erscheinung. Doch was ist das Erfolgsrezept von diesem Genre? Man nehme Laienschauspieler, die für ihre 20 Minuten Ruhm gerne mal den Kevin-Justin spielen, gebe noch eine Prise stereotypische Vorurteile hinzu, vielleicht greife man auch noch einmal schnell in die Alliterationen-Kiste und fertig ist das Nachmittagsprogramm für die privaten Sender. Das Resultat ist eine kostengünstige Produktion, die sich über tausende von Folgen ziehen kann, ohne dass sich der Zuschauer allzu sehr beschwert - schließlich ist das Grauen ja nach einer halben Stunde wieder vorbei. Selbst Kulissen müssen nicht einmal gebaut oder erneuert werden. Einige Produktionsfirmen recyclen geradezu ihre Schauplätze. Wichtig ist dann nur, dass die gleichen Häuser nicht in aufeinanderfolgenden Episoden auftauchen. So kann nämlich das gleiche Haus mal in Dortmund, mal mitten in Berlin und dann wieder im Hunsrück stehen, ohne dass es dem Zuschauer so schnell auffällt. Wenn aber dann doch mal der zuständige Mitarbeiter nicht aufgepasst hat, kommt es schon mal vor, dass eine Großaufnahme des Hauses am Ende einer Folge gezeigt wird, der Bildschirm ausgeblendet wird, nur um wieder mit genau derselben Einstellung eingeblendet zu werden. Dann gehört das Haus aber nicht mehr Familie Sommer aus Bielefeld, sondern Familie Yildirim aus Köln-Chorweiler. So schnell können Immobilien ihren Besitzer wechseln.

Die lauernde Gefahr

Problematisch wird das Ganze erst richtig, wenn der Begriff "Alltag" oder "Realität" ins Spiel kommt. Leider ist nämlich einer Vielzahl der Zuschauer nicht unbedingt bewusst, dass es sich bei solchen Formaten um Fiktion handelt, dass hier Schauspieler nach einem Drehbuch eine Szene spielen. Der Fehler liegt dann aber nicht beim Zuschauer, sondern beim zuständigen Sender. Beschreibungen wie "aus dem echten Leben gegriffen" oder "echte Fälle nachgespielt" fallen zu häufig unbegründet. Das kann dramatische Auswirkungen haben.

Die heutige Gesellschaft bildet sich ihre Meinung gerne durch eigene, reale Erfahrungen. Es gilt der Leitsatz: So lange ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe, glaube ich es nicht. Wir erkennen Serien als Fiktion, weil wir wissen, dass es sich um Schauspieler handelt. Wir wissen, dass es keinen gewissen Howard Wolowitz aus Pasadena gibt, der zur ISS geflogen ist. Genauso wissen wir, dass mit Sicherheit keine Danni Lowinski in einer Kölner Einkaufspassage auf uns warten wird, weil wir aufgrund produktionstechnischer Merkmale erkennen, dass es sich um fiktionale Charaktere handelt.

Auf der anderen Seite glauben wir Nachrichtensendungen, Journalisten und Dokumentationen, weil sie einen Wahrheitsanspruch haben. Wenn jetzt aber ein Format sich bewusst als "Doku" oder "Reportage" ausgibt, ohne diesem Begriff gerecht zu werden, wird der Zuschauer getäuscht. Ihm wird eine Realität, eine Wahrheit, vorgegaukelt. Umso gefährlicher ist es, wenn in solchen Fällen noch Stereotypen thematisiert werden. So könnte der Zuschauer irrtümlicherweise schlussfolgern, dass die Realität Vorurteile, wie beispielsweise das vom faulen Hartz-IV-Empfänger, dem problematischen Ausländer oder dem dicken Computer-Nerd bestätigt.

Von offizieller Senderseite heißt es dabei immer wieder, man sei davon überzeugt, dass die Zuschauer intelligent genug seien, um ihre Formate als Fiktion zu identifizieren - und das obwohl Untersuchungen genau das Gegenteil bewiesen haben. Hier versuchen die Verantwortlichen klar, sich aus der Affäre zu ziehen. Denn so lange sie die billigen Produktionen im Programm behalten können, nehmen sie den Kollateralschaden in Kauf.

Mehr zu diesem Thema:
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2011/Wie-wirkt-Scripted-Reality,luegenfernsehen131.html

http://www.zeit.de/2010/32/Dokusoaps/komplettansicht

http://www.spiegel.de/kultur/tv/scripted-reality-im-tv-knapp-die-haelfte-der-zuschauer-glaubt-an-echte-faelle-a-803049.html

http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/Familien%20im%20Brennpunkt.pdf

http://www.dwdl.de/meinungen/31933/die_falsche_debatte_ber_das_lgenfernsehen/

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