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US-Wahlkampf der Krankenakten

by Christophe Froehling

Hillary Clinton hustet und die Medien sind in Aufruhr. Zum Teufelskreis der fortwährenden Wahlkampfspirale oder: Warum Hillary ihre Schwächen vor der Wählerschaft verstecken muss, während Donald Trump mit seinen Lügen immer öfter davon kommt.

Seit Hillary Clintons Schwächeanfall am Ground Zero am vergangenen Wochenende steht die Welt Kopf. Im Netz wird lebhaft über Clintons Gesundheit spekuliert, einige Medien halten bereits panisch nach einem Plan B Ausschau. Es werden Parallelen zu ihrer Gehirnerschütterung von 2012 gezogen, welche beweisen sollen, dass es nicht gut um ihre Gesundheit stünde. Vereinzelte Kritiker sehen sich wiederum mit einer gigantischen Verschwörung konfrontiert und behaupten steif und fest, Clinton würde mittlerweile ein Body-Double für öffentliche Auftritte einsetzen. Perfekt wird dieses Chaos, als sich Reporter von verschiedenen Nachrichtensendern nicht einmal darauf einigen können, wie denn nun tatsächlich die Wetterlage zu dem besagten Zeitpunkt in New York gewesen sein soll.

Hillary Clinton im Kreuzverhör

Vielen DiskutantInnen ist es suspekt, dass so lange kein offizielles Statement zum Gesundheitszustand der demokratischen Spitzenkandidatin abgegeben wurde. Es wird Clinton sogar vorgeworfen, bewusst verschwiegen zu haben, dass sie mitgenommen sei. Den Republikanern kommt das natürlich gerade recht. Einmal mehr können sie mit dem Finger auf "Crooked Hillary" zeigen. Dabei stellt sich scheinbar niemand die Frage, warum Clinton sich so lange nicht konkret zu ihrer angeschlagenen Gesundheit geäußert hat. Gibt es einen Grund, weshalb sie ihre anfänglichen Hustenanfälle als "kleine Allergie" abwinken ließ?

Den gibt es in der Tat. Man braucht sich nur ein paar Reden von Trump anzuhören, um zu erkennen, wo das Problem liegt. Von seinen absolut unerträglich rassistischen, sexistischen und unlogischen Aussagen abgesehen, profiliert sich Donald Trump stets als wandelnde Superlative. Überall sei er der beste, stärkste, reichste, männlichste, klügste Kandidat - nicht zu vergessen sei er laut Gesundheitszeugnis "das gesündeste Individuum, das jemals zum Präsidenten [gewählt werden könnte]". Wenn es nach ihm geht, strahle der immerhin 70-jährige Republikaner geradezu vor Energie und Standhaftigkeit. Das Schlimme daran ist, dass Trump mit dieser narzisstischen, fast übermäßig egozentrischen Arroganz sogar noch bei vielen Wählern punktet - und das obwohl sein orangegebräunter Teint alles andere als einen gesunden Eindruck erweckt.

Trump hat Clinton also genau dort, wo er sie haben will: auf der Anklagebank. Denn der Wahlkampf ist schon lange kein Kampf der Argumente mehr, sondern ein Kampf der Ausdauer. Trump setzt sich gerne als starker Mann in Szene, der "die Dinge endlich mal wieder richtig in die Hand nimmt". Ein Ronald Reagan, ein Vladimir Putin, ein Muammar al-Gaddafi. Clinton braucht nur einmal kurz zu husten oder sich an ihrer Hand zu kratzen und schon wird an ihrer Gesundheit gezweifelt. Eine falsche Bewegung und es steht nur noch einer auf dem Podest. Schach. Wenn aber Hillary Clinton ihre angeschlagene Gesundheit kaschiert, braucht Trump nur eine seiner leeren Phrasen à la "something must be going on" zu dreschen und schon dreht sich wieder alles um die "betrügerische Geheimnistuerin". Schachmatt. Egal wie Hillary reagiert hätte, es wäre also immer verkehrt gewesen.

Donald Trump legt seine Akte selbst an

Als ob man es nicht schon hätte voraussehen können, war Trumps Gesundheitszeugnis, welches von seinem Leibarzt mit einer auffallend trumpesken Wortwahl verfasst wurde, eine Farce. Der Arzt habe den Text flüchtig geschrieben, weil schon unten eine Limousine den Brief erwartet habe.

Daher sollten wir uns die Frage stellen, wie es sein kann, dass Donald Trump seit über einem Jahr mit Lügen um sich wirft, ohne schwerwiegende Konsequenzen zu befürchten, während Hillary Clinton von einer Affaire in die nächste schlittert. An dieser Stelle sei noch einmal bemerkt, dass Trump es immer noch nicht geschafft hat, seine Steuererklärung zu veröffentlichen und sich eine Ausrede nach der anderen überlegt. Ob der Präsidentschaftskandidat jemals der amerikanischen Wahlkampftradition Rechnung trägt, bleibt fraglich.

November Madness: der ultimative Showdown des US-Wahlkampfs

Dem ganzen Glanz und Getöse, welche die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu bieten haben, stehen die Schattenseiten der Kandidatur und des Wahlkampfs gegenüber. Bloß keine Fehler machen, auf keinen Fall Schwäche zeigen. Der Job des Präsidenten ist schließlich ein harter. Da kann jeder noch so kleine Makel, jeder noch so kleine Patzer - kurz jedes Anzeichen für Menschlichkeit - einen Kandidaten die Präsidentschaft kosten. Wehe dem, der krank wird!

Ganz anders sieht es da beispielsweise in Deutschland aus. Wenn Frau Merkel sich im Skiurlaub das Becken bricht, kommt niemand auf die Idee, sie gleich als regierungsunfähig zu betiteln. Stattdessen wünscht man ihr höchstens eine gute Besserung und bringt ihr einen Stuhl zum Podium, wenn sie ihre Rede vor dem Bundestag hält. Zugegeben, ein Trump hätte die Gelegenheit für eine Partie Schach sicherlich genutzt.

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