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Filmkritik: Er ist wieder da

by Christophe Froehling

"Er ist wieder da" - und hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Die Verfilmung von Timur Vermes' gleichnamigen Bestseller läuft nun seit einigen Tagen in allen deutschen Kinos. Es wird also höchste Zeit, den Film etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Herbst 2014, irgendwo in Berlin. Dichter Rauch bildet sich zwischen dem Geäst vereinzelter Sträucher, eine undeutliche Geräuschkulisse zieht vorbei und dann passiert das schier Unmögliche: Hitler öffnet nach 69 Jahren erstmals wieder die Augen. Völlig wehrlos liegt er zwischen welken Blättern im Dreck und sehnt sich nach seinen engsten Vertrauten. Noch halb taub und verwirrt stützt er sich hoch und sucht nach Orientierungspunkten. Er begegnet ein paar jungen "Pimpfen", die bis auf ein paar schroffe Worte nichts für den bärtigen Mantelträger übrig haben. Was hat das alles zu bedeuten? Ein Blick auf die neuste Tageszeitung verrät: Der Diktator befindet sich plötzlich im Jahr 2014.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Timur Vermes' Bestseller "Er ist wieder da" verfilmt werden würde. So traute sich nun der Regisseur David Wnendt an eine Filminterpretation. Und genau das ist der Film nämlich: eine Interpretation. Wer das Buch gelesen hat, dem werden zwar vielleicht einige Gemeinsamkeiten, einige Formulierungen und Szenen bekannt vorkommen, jedoch weicht der Film bewusst von seiner Vorlage ab. Das Grundgerüst bleibt unangetastet, nur wurde es neu ausgefüllt. Bewusst geändert wurde unter anderem der Zeitpunkt der Handlung. Im Original wird der Diktator ins Jahr 2011 bugsiert, während der Film das Jahr 2014 als Grundlage nimmt - warum wird sich später noch zeigen. Aber auch diverse Rollenverteilungen und Handlungsstränge wurden komplett umgeschrieben. Dabei ist die Entscheidung des Regisseurs, sich von Vermes' Vorlage zu distanzieren und Hitler im Jahr 2014 wieder zum Leben zu erwecken, vollkommen berechtigt. In Zeiten von PEGIDA, Flüchtlingsdebatten und "Migrationskrisen", in Zeiten von Hasspredigern, die gegen die "Lügenpresse" wettern, in Zeiten von brennenden Flüchtlingsheimen und einer immer salonfähiger werdenden "das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Grundeinstellung ist das Thema so omnipräsent wie schon lange nicht mehr. Umso realer wirken die teils echten, teils gespielten Interviewsequenzen im Film. Die Realität verschmilzt mit der Fiktion - ein erschreckendes Leitmotiv, das sich nicht nur durch den Film, sondern auch durch den Roman zieht.

Hitler beim Entdecken des

Hitler beim Entdecken des "Internetz" © Constantin Film

Die Trailer hingegen versprechen noch eine recht lustige Komödie mit vielen Lachern. Wir sehen Hitler, der das "Internetz" für sich entdeckt, Hitler beim Erstellen einer E-Mail-Adresse - alles in allem steht hier der Humor im Vordergrund. Der Fokus liegt auf dem Menschen aus dem Jahr 1945 - scheinbar zufällig Hitler - der versucht, sich in der neuen Welt zurecht zu finden und diese langsam zu schätzen lernt. Reine Marketingstrategie oder aber ein gewünschter Effekt? Tatsache ist jedenfalls, dass dem Betrachter beim Anschauen des Films früher oder später das Lachen im Hals stecken bleibt. Wer sich also muntere Unterhaltung erwartet, wird sich wundern. Das habe ich am eigenen Beispiel erfahren, als ich im Kino saß. Vor dem Eingang des kleinen Kinos wurde noch herzlich gescherzt. Wir sahen Gruppen, die grinsend Haltung einnahmen und gegenseitig voreinander salutierten, Andere wiederum beteuerten, dass sie sich auf den Film freuen würden, da sie die Vorlage so unterhaltsam fanden.  Auch die ersten Szenen sorgten für ausgelassene Lacher - schließlich sei es ja "nur eine Parodie". Dann verstummte plötzlich das Gelächter und im Saal herrschte Totenstille. Ich selbst, der ja eigentlich das Buch gelesen hatte, war äußerst überrascht über die Auslegung, meinen luxemburgischen Begleiterinnen war der Appetit schlagartig vergangen und selbst den Witzbolden, die vor der Vorstellung im Eingang noch scherzhaft vor den Passanten in Hitler-Manier salutiert hatten, hatte es die Sprache verschlagen. Es hat sich genau dieses Gefühl eingestellt, das sich bei vielen Lesern schon Jahre zuvor manifestiert hatte: Man ertappt sich dabei, wie man den Diktator, den Judenverfolger, den Massenmörder, sympathisch findet. Man amüsiert sich über Hitlers öffentliche Auftritte in diversen Fernsehshows, lacht über seine irren Machtphantasien, kringelt sich, wenn er die NPD und die Rechtsradikalen auf die Schippe nimmt. Bis, ja bis einem schließlich bewusst wird, dass es Hitler ist, über den man hier lacht - und das obwohl er leibhaftig vor einem steht und eben kein Komiker, Parodist oder Künstler ist. Doch dann ist es längst zu spät und Hitler bereits in den Köpfen der Menge. Und wir, die unsere Vorfahren aufs Schärfste verurteilt haben, haben immer blauäugig behauptet, dass so etwas wie Hitler nie wieder passieren kann...

Zugegeben: Die Filmadaptation ist deutlich düsterer als es die Vorlage zu sein scheint, was sicherlich unmittelbar mit der Modifizierung der Handlung verbunden ist. Vor allem aber ist es das Ende, das polarisiert. Hier geht Wnendt, wenig überraschend, über das Buchende hinaus und spinnt das Gedankenspiel weiter.

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© Constantin Film

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